Kurze Geschichte des ottaler Pferdes
"Das Thal, welches von der Rott durchströmt wird, zieht ebenfalls gute Pferde"
Dieses Tal, das Rottal liegt in der äußersten Südostecke Deutschlands im Bezirk Niederbayern. Die untere, östliche Hälfte des nur etwa 70 km langen Flusstales ist das eigentliche Entstehungsgebiet des Rottaler Pferdes bzw. "Rottalers". Das untere Rott- (und das benachbarte) Inntal waren seit jeher Durchgangsgebiet und Schmelztiegel für Mensch und Tier. Gerade hier waren auch zwei Idealbedingungen anzutreffen: die fruchtbaren Böden und der sprichwörtliche "Rossverstand" der ansässigen Bauern.
Allerhöchste Fördermaßnahmen
Natürlich fand das Rottal im Jahr 1558 besondere Berücksichtigung, als Herzog Albrecht IV. erstmals wertvolle Zuchthengste verteilen ließ, um die Landespferde zu veredeln. 1754 wurden die neu gegründeten Landbeschäl-stationen mit "Neapolitanischen" und "Andalusischen" Hengsten - vom damaligen kurfürstlichen Marschall mit gewaltigen Geldmitteln beschafft - beschickt. Ab 1771 konnten zusätzlich wertvolle Prämien für die Pferdezucht ausgegeben werden. Die damit ausgezeichneten Pferde mussten von kurfürstlichen Hengsten abstammen. Die Zuchtstuten wurden jährlich von kompetenten Kommissionen gemustert und "approbiert". Bis zu den Napoleonischen Kriegen stammte ein Drittel der bayerischen Pferde aus dem Landgericht Griesbach an der Rott.
"Diese Pferde gehören zu den vorzüglichsten des Reiches."
Das notierte ein Rottaler Geschichtsschreiber im Jahr 1830. Und weiter: "Hier wimmelt es von schönen und veredelten Pferden. Die Pferdezucht wurde, durch die von München hergeschickten Beschäler und durch Prämien von 5 - 10 Dukaten für die schönsten Fohlen, gefördert."
Kürassiere und Kanonen
Den Rottaler Bauern kam die Vielseitigkeit ihrer veredelten Pferde sehr gelegen: konnten sie diese sowohl als Wirtschaftspferde zur Feldarbeit, als auch als Kutschpferde verwenden. Das Übrige wurde als Remontepferde für Kavallerie und Artillerie für gutes Geld verkauft. Die Elite der Rottaler Pferde ging jedoch auf den Luxuspferdemarkt nach München, "wo das Rottaler Pferd das begehrteste und gesuchteste ist und auch hohe Preise erzielt."
Erste Leistungsprüfungen
Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde beschlossen, das Rottaler Pferd Zuchtleistungsprüfungen zu unterziehen. Dazu wurden mehrere Trabrenn-bahnen angelegt, die erste 1896 in Pfarrkirchen. Dies waren die frühesten Leistungsprüfungen der deutschen Warmblutzucht.
Zuchtarbeit
Im 19. Jahrhundert wurden der angestammten, früh veredelten Stutengrundlage Hengste aus der Normandie (Anglo-Normänner im Karossier-Typ), aus England (Cleveland Bay) und schließlich aus Oldenburg zugeführt. Seit der Jahrhundertwende rekrutierten sich die Landbeschäler im Rottal überwiegend aus der eigenen Nachzucht . Das Jahr 1906 sah die Gündung des "Rottaler Warmblutpferdezucht-Vereins" zur Erhaltung und Verbesserung des "Rottaler Kutschpferdes". Dabei wurde erstmals ein Zuchtbuch angelegt, das einheitliche Zuchtziel definiert und ein Brandzeichen entworfen. In den folgenden fünfzig Jahren sollte der Rottaler zum kräftigen bayerischen Warmblutpferd durchgezüchtet werden.
Krise
Nach dem letzten Krieg stellte sich für die gesamte deutsche Warmblutzucht die Frage nach dem Sinn und Ziel der Pferdezucht. Die Lösung schien in der Zucht des Sportpferdes für Reitzwecke gefunden; die kräftigen Kutsch- und Wirtschaftspferde versuchte man in den 1950er Jahren durch Einkreuzung von Vollblütern zu veredeln. Die Bayerische Warmblutzucht sollte jedoch mit Stuten und Hengsten norddeutscher Abstammung gänzlich neu aufgebaut werden! Jahrhundertealte bodenständige Zuchtarbeit wurde für wertlos erklärt.
Erhaltungszucht
Nur wenige Stutenlinien, meist im Besitz von Züchtern, welche von deren Bedeutung felsenfest überzeugt waren und die angeordnete "Rasse-bereinigung" unterliefen, konnten diesen Kahlschlag überleben. Anfang der 1990er Jahre wurde von einigen Züchtern, praktisch fünf vor zwölf, der lobenswerte Versuch unternommen, mit den überkommenen Muttertieren und zwei Hengsten mit Rottaler Abstammung eine tragfähige Population aufzubauen. Die mittlerweile erreichte Zuwachsrate und die Qualität der Nachzucht bescheinigt dieser gewagten Privatinitiative aber das Glück des Tüchtigen. Ein Meilenstein des Wiederaufbaus war die Wiedereröffnung des Zuchtbuches im Jahr 1994. Hierdurch wurde die Abgrenzung zur jetzigen Bayerischen Warmblutzucht - mittlerweile lediglich Nachzucht des Deutschen Reitpferdes - erreicht. Neben der Erhaltung als lebendiges bayerisches Kulturgut wird gleichzeitig die Zucht eines Pferdes verlangt, welches als absolut zuverlässiges Reit- und Fahrpferd genützt werden kann.
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